Kunst im HVB-Tower

Bärbel Kopplin – Kuratorin der Sammlung HVB

„HVB – The Tower to inspire“.

 Unter diesem Motto hat im Januar 2015 der Lichtkünstler Philipp Geist für wenige Tage den neu zum Green Building umgebauten HVB-Tower mit bewegten Lichtbildern überzogen. Die Inspiration dieser temporären Installation an der architektonischen Außenhaut des Towers, wird nun mit der Kunst aus der Sammlung HypoVereinsbank, die im Gebäude einen festen Platz bekommt, fortgeschrieben und dauerhaft etabliert.

Kunst am Arbeitsplatz

Kunst im Arbeitsalltag  zu erleben, ist für uns alle längst zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Dennoch oder vielleicht gerade desshalb sorgt die über viel Jahrzehnte auf 14.000 Werke angewachsene Corporate Collection der HVB für so manche Überraschungsmomente und Denkanstöße. Vielfalt und Größe, aber auch Einzigartigkeit und Individualität kennzeichnet dabei unsere Sammlung in besonderem Maße. Herausragende Einzelobjekte und Meisterwerke der Kunstgeschichte gehören ebenso zum Bestand wie umstrittene und die Auseinandersetzung in besonderer Weise anregende Arbeiten der aktuellen Kunstszene. Diese Verbindung von Tradition und Innovation gibt der Sammlung ihr einzigartiges Profil. Und diese Besonderheit galt es im HVB-Tower bei der Kunstausstattung erlebbar zu machen.

Eine Geschichte aus 100 Kunstwerken im Tower

Erzählt wird  daher mit den rund 100 Kunstwerken, die nach dem Umbau des Gebäudes in  22 Stockwerken ihren Platz gefunden haben, die Geschichte der jüngeren Sammlung und  ihrer Schlüsselwerke. Eine besondere Herausforderung war dabei, zum einen den Bezug zur Sammlungsgeschichte herzustellen und gleichzeitig die europäische Ausrichtung  und immer stärkere Globalisierung des Unternehmens überzeugend einzufangen – immer unter dem zentralen Aspekt, mit Kunst Diskurs zu initiieren.  Außerdem muss die „Choreographie“ einer Kunstausstattung in einem Bankgebäude natürlich immer auch die verschiedenen Nutzungsbereiche im Haus im Blick behalten.

Kunst im Dialog für die Eventflächen

Der Leitgedanke, mit Kunst in Dialog zu treten, manifestiert sich insbesondere in den unteren Etagen des HVB-Towers. Hier, im 1. und 2. Geschoss liegen die Eventflächen mit Konferenzräumen und Gästecasino. Menschen, Begegnungen und Gespräche charakterisieren diesen Bereich. Die Werke, die für diese Situation ausgesucht wurden, erzählen – teilweise in umfänglichen Werkkomplexen – ihre spezifische „Story“, verfolgen ein eigenwilliges Konzept, regen an über gesellschaftliche und politische Anliegen nachzudenken und verführen durch einen suggestiven Malstil oder technische Brillanz. Die Flurbereiche in diesen beiden Stockwerken verfolgen ein eigenes Konzept:  Das Medium der Fotografie spielt in der Sammlung HVB mit über 2.000 Werken eine besondere Rolle. Aus diesem umfassenden Schwerpunkt wurden für diese Raumsituation Werke gewählt, die zum einen Menschen, Begegnungen und gesellschaftliches Leben „ins Bild rücken“ und zugleich eine kontrast- und beziehungsreiche Mischung aus Klassikern der Fotografie und „Jungen Positionen“ bilden.  Fundierte Statements zu diesem Focusthema der Sammlung lassen sich also gerade hier in großer Zahl finden.  

 

Europäische Dimensionen -  Globales Denken in den „Regelstockwerken“

Das Etagenkonzept in den sogenannte „Regelstockwerken“  vom 7. bis zum 18. Obergeschoss verfolgt und vertieft einen anderen Gedanken. Eine Reise führt uns hauptsächlich durch die Kunst Europas bis hin zu den Kunstströmungen aus Asien und Amerika.  Hier, wo über Tausend Mitarbeiter in offenen Bürobereichen nach dem Konzept von „Smart Working“  flexibel und zugleich kommunikativ vernetzt arbeiten, werden die europäischen Dimensionen und das globale Denken unseres Unternehmens mit durchaus konträren Positionen der Kunst aus dem 20. und 21. Jahrhundert visualisiert und die internationalen Bezüge der Sammlung sichtbar. Ausgangspunkt der Reise durch die Länder und Kontinente ist Deutschland, das im 7. OG mit zwei wichtigen Positionen und Werken repräsentiert wird.   Einer der Gründerväter der deutschen Abstraktion, Rupprecht Geiger, zeigt sich hier als Meister der Farbe. Daneben überraschen die fotografischen Werke von Sabine Hornig mit ihren neuartigen Bild-Raum-Kompositionen. Das 8. OG bietet mit Werken von Siegfried Anzinger und Hubert Schmalix einen profunden Einblick in die gegenständliche Malerei Österreichs. Es wird im kleinen und großen Format erzählt und in den Bildern zu einem sehr persönlichen Malstil gefunden. Und auch im 9. OG verbleiben wir noch im deutschsprachigen Kunstraum, wechseln aber in die äußerst lebendige Kunstszene der Schweiz, aus der zwei eigenwilligeVertreter ausgewählt wurden: der künstlerische Akteur Roman Signer, der sich gerne mit der Attitüde des Wissenschaftlers und Forschers vorstellt,  und Christine Streuli mit ihren  ornamentalen Bildern , die zu Signer quasi einen kongenialen malerischen Kontrapunkt setzt. Im 10. OG richtet sich der Blick nach Italien. Hier wurden mit Guiseppe Santomaso, Luigi Ghirri und Carlo Valsecchi drei Künstler aus unterschiedlichen Generationen mit Werken ausgewählt, die für einen jeweils ganz eigenen Stil stehen und sich in sehr unterschiedlichen Techniken ausdrücken. Nachdem die architektonischen Gegebenheiten im folgenden Stockwerk keine Präsentation von Kunst zulassen, setzt sich die Reise durch die europäische Kunstszene im 12. OG mit einem Blick nach Osteuropa fort. Die Kunstszene in Bulgarien und Rumänien zeigt sich hier in den Werken von Krassimir Terziev und Irina Botea. Beide gehören  einer jüngeren Generation an, die von den entscheidenden Veränderungen nach der Wende von 1989 in eine postkommunistische Gesellschaft geprägt sind. Es folgen im 13. OG. zwei Positionen aus Polen, die beide mit dem Thema Abstraktion und Gegenständlichkeit spielen. Wilhelm Sasnal mit seinen oft verzweigten Bezügen zur Kunstgeschichte und politischen Reportage gehört mit Sicherheit schon jetzt zu den bedeutendsten zeitgenössischen künstlerischen Positionen Polens Dagegen setzt  uns Agnieszka Kaszubowska mit ihren fotorealistischen Wiedergabe ganz einfacher Alltagsgegenstände in Erstaunen. Innovationsgeist, technische Perfektion und Konzeption zeichnet auch die beiden Künstler aus, die im 14. OG als Repräsentanten für ihr Herkunftsland Frankreich stehen. Während Georges Rousse sein Lebensthema in der Architekturfotografie gefunden hat, beschreitet Sébastian de Ganay der mit seinen Faltbildern  technisch neue Wege, die spielerisch und konzeptuell zugleich den Betrachter zu neuem Sehen auffordern. Frankreichs Nachbarland Belgien liegt einen Stock weiter oben, im 15. OG und ist ebenfalls mit zwei Künstlern zu erleben, die dem Betrachter oftmals in ganze Werkgruppen verpackte Geschichten erzählen. David Claerbout geht es dabei häufig um das Thema Zeit und Erinnerung, Beobachtung und Veränderung. Zu den radikalen Fragenstellern und Storytellern auf dem Gebiet der Zeichnung gehört wiederum der Jüngere von beiden,  Rinus van de Velde. Ein Blitzlicht auf die humorvolle, kritische, äußerste lebendige Kunstszene Großbritanniens kann man dann im 16. OG werfen mit prominenten Vertretern wie  Peter Hutchinson und, Gilbert & George sowie der jungen Künstlerin Clare Strand. Passion, Witz und rätselhafte Bildfindungen fordern hier den Betrachter in besonderem Maß zum Mitdenken heraus.

Wie eine große Klammer zwischen West und Ost und unverzichtbar in Hinblick auf die internationalen und globalen Züge der Sammlung HVB, präsentiert sich im 17. und 18. OG Kunst aus Asien und Amerika.  Mit Nobuyoshi Araki und  Ryuji Miyamoto sind im 17. OG  die unbestrittenen Stars der Japanischen Kunstszene zu sehen, während im 18. OG ein Objektkasten mit einem Landartprojekt aus den USA den Weltbürger und international agierenden Konzeptkünstler  Christo vorstellt. Daneben repräsentieren Raissa Venables und Matt Saunders die  „jungen Stimmen“  der amerikanischen Ost – und Westküste.

Schlüsselwerke der Sammlung

Die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts mit ihren kontroversen Statements, europäischen Dimensionen und internationalen Ausprägungen hat so im Tower einen festen Platz bekommen. Zwischen dem 19. und 22. OG  kann man wenige, aber besondere Werke der klassischen Moderne und Gegenwartskunst bewundern. Auftakt für dieses besondere Segement der Sammlung sind zwei Gemälde des international renommierten Lichtkünstlers Heinz Mack und des englischen Land-Art Künstlers Richard Long. Im 20. und 21. OG findet man Arbeit des Engländers Julian Opie, dessen zentrales Thema  der Mensch ist. Im 21. OG ordnet sich dann der Arbeit von Opie ein Werk des bedeutenden deutschen Fotokünstlers Thomas Ruff zu, der sich in seiner Serie „zycles“ mit abstrakt psychedelisch wirkenden Farbräumen beschäftigt.  Im 22. OG begegnet man schließlich in einer großen Vitrine der HVB Geldscheinsammlung und im großen Konferenzraum einer mehrteiligen Spiegelarbeit des Schweizer Künstlers Lori Hersberger. Ein vom Format eher kleines, von seiner Wirkung jedoch großartiges Werk schließt den Rundgang ab: Es ist eine Schwammskulptur des französischen Avantgarde Künstlers Yves Klein.  Das ikonischen Werk der Klassischen Moderne beschließt diesen Bereich und gibt zugleich noch einmal ein beredtes Zeugnis von der Fülle und Vielfalt der Möglichkeiten einer Corporate Collection.