Reversibel, expressiv, lebendig

BETZ Architekten

Nach einem Wettbewerb im Jahr 1969 beauftragte uns eines der Vorgängerinsitute der HypoVereinsbank,  die damalige Bayerische Hypotheken- und Wechsel-Bank AG (kurz:Hypo-Bank) mit der Planung eines neuen Verwaltungszentrums, für das wir auch die künstlerische Oberleitung übernahmen. Betrachtete man die international prägende Szenerie des amerikanischen Städtebaus mit den vielfältigen, aus der historischen Entwicklung kommenden Hochhausformen, konnte man lernen, was für München nicht in Frage kam! So sollte unser Wunsch nach Form beispielsweise keineswegs durch applizierte Dekorationen, sondern durch expressive Bewegung der Baumassen aus sich selbst heraus erfüllt werden.

Vorplanung

Maßgebender Ausgangspunkt für die Erarbeitung der Grundrisse waren funktionelle Vorgaben für die Gestaltung 2.500 reversibler Arbeitsplätze, die sich leicht von Großräumen zu Einzelräumen verwandeln lassen und umgekehrt.

Anforderungen bei der Planung reversibler Nutzung:

  1. Eine möglichst gleiche Qualität der Arbeitsplätze mit Sichtverbindung ins Freie.
  2. Eine Nettofläche pro Ebene nicht unter 1.300 bis 1.500 m², also für etwa 100 Mitarbeiter.
  3. Die Lage der Verkehrsknoten am Rand, nicht in der Innenzone.
  4. Keine Einschnürungen, die bei Großraumverwendungen die Zusammenfassung von Arbeitsgruppen erschweren; jedoch eine Gliederung.

Entwurf

Zugunsten der Reversibilität ist im HVB-Ensemble jede Fensterachse für sich „lebensfähig“, nämlich mit Klimatisierung, Beleuchtung, allen Medien, mit Brandschutz und Sprinkleranlage sowie Abschottung zum Deckenhohlraum ausgestattet.

Das Regelgeschoß des über einen Flachbau gesetzten HVB-Tower, der etwa ein Fünftel der Baumasse ausmacht, besteht aus drei gleichseitigen Dreiecken, die sich in den oberen Etagen zunächst auf zwei und letzlich auf ein Dreieck abstufen. Einerseits ist die Fläche als Großraum gegliedert und überschaubar gestaltet, andererseits ist sie als Einzelraumlösung kurzwegig erschließbar und weist keine Verluste aufgrund dunkler Innenzonen auf.

Die Abteilungen mit sehr großem Flächenbedarf befinden sich auf einer Ebene im Nordteil des Flachbaus. Mittels Einsprüngen und Atrien sind diese Flächen überschaubar gegliedert und bieten von jedem Arbeitsplatz Ausblick ins Freie. Im Südteil sind Sondernutzungen (Konferenzbereich und Mitarbeiterrestaurant) untergebracht. Eine Straße für Anlieferung und Entsorgung erschließt das Gebäude im Untergeschoss.

Konstruktion

Der konventionell gebaute Flachbau wurde auf einem Stützenraster von ca. 10 x 12 Metern errichtet. Im Hochhaus spannt sich das unterhalb der Mitte befindliche Traggeschoß – mit Hängestockwerken nach unten und Druckstockwerken nach oben ­– zwischen die vier Türme. Dabei zeigen die umgreifenden Manschetten den Kraftverlauf klar an. Nach Fertigstellung des Flachbaus wurde das Traggeschoss am Boden als Bühne vorbereitet, hydraulisch hochgezogen und in der endgültigen Höhe betoniert. 

Fassade

Das Achsmaß der Fassade mit einer Höhenteilung von 120 Zentimetern leitet sich mit 1,40 Meter vom kleinsten gewünschten zweiachsigen Einzelzimmer ab.

Die metallisch wirkende Oberfläche des verwendeten Sonnenschutzglas (mit dahinter liegendem Blendschutz) bestach mit ihren je nach Wetterlage unterschiedlichen Farben und Spiegelungen. Als „Eidechsenhaut“, die sich häufig dem Aluminiumton der Fassade anpasst, zieht sie sich gleichmäßig über das Gebäude und bringt dessen Plastizität erst zur Wirkung.

Da das Gebäude, besonders der Hochhausteil, frei angehoben erscheint, war die Fassade auch in ihren Übergängen zur Vertikalen sorgfältig zu planen. Nach sechsmonatiger Ausarbeitung der wesentlichen technischen und gestalterischen Details in 3.000 Zeichnungen war während der Bauzeit keine Änderungen mehr möglich, da der Generalunternehmer seine Kalkulation auf diese Angaben abgestellt hatte.

Der Münchner Architekt Friedrich von Thiersch bedauerte seinerzeit, dass nicht einer seiner Bauten die Frische seiner Skizzen erreicht hätte. Dieses Umsetzungsproblem ist seitdem sicherlich noch gravierender geworden. Wir zeigen heute gern und schnell unsere Skizzen und Schaubilder, folgen immer mehr der Tendenz, sie zu kleinen Kunstwerken auszuarbeiten, müssen aber doch eingestehen, dass es von der Idee zur Skizze ein Schritt ist, von der Skizze zum fertigen Bau aber 1000 Schritte.

Beatrix und Oliver Betz

Das Architekturbüro Betz wurde 1956 von Walther und Bea Betz gegründet.

1993 stieg Oliver Betz in das elterliche Büro ein. 1999 wurde als Erweiterung des bestehenden Komplexes das „Hypo-Haus-Ost“ an der Denninger Straße mit beweglichem gläsernem Sonnenschutz und dem Lichtkunstwerk von Dan Flavin eingeweiht. 2009 wurde Walther und Bea Betz der Architekturpreis der Landeshauptstadt München verliehen.